aus der Castaneda Ecke ... (alle)

Felix, Montag, 18.05.2026, 10:21 (vor 20 Stunden, 12 Minuten) @ Felix

Fortsetzung ... Teil 2

„Wie bitte?“

„Das Nagual ist der Teil von uns, für den es keine Beschreibung gibt, keine Wörter, keine Namen, keine Gefühle, kein Wissen.“ „Das ist ein Widerspruch, Don Juan. Wenn es nicht gefühlt oder beschrieben oder benannt werden kann, dann kann es meiner Meinung nach nicht existieren.“ „Nur deiner Meinung nach ist es ein Widerspruch. Ich habe dich schon gewarnt, bring dich nicht um im Bemühen, dies zu verstehen.“ „Würdest du sagen, dass das Nagual der Geist ist?“ „Nein. Der Geist ist nur ein Gegenstand auf dem Tisch. Der Geist ist Teil des Tonal. Sagen wir mal, der Geist ist diese Chiliflasche.“ Er nahm eine Gewürzflasche und stellte sie vor mir auf den Tisch. „Ist das Nagual die Seele?“ „Nein. Auch die Seele gibt es auf dem Tisch. Nehmen wir einmal an, die Seele sei der Aschenbecher.“ „Sind es die Gedanken der Menschen?“ „Nein. Auch die Gedanken sind auf dem Tisch. Die Gedanken sind das Besteck hier.“ „Ist es ein Zustand der Gnade? Der Himmel?“ „Nein, das auch nicht. Das, was es auch sein mag, ist ebenfalls Teil des Tonal. Sagen wir, es sei die Serviette.“

Ich fuhr fort und zählte alle Möglichkeiten der Beschreibung auf für das, was er meinen mochte: Intellekt, Psyche, Energie, Lebenskraft, Unsterblichkeit, Lebensprinzip. Für jeden Begriff, den ich nannte, fand er auf dem Tisch einen Gegenstand, den er als Gegenstück benutzte und vor mir aufbaute, bis er alle auf dem Tisch befindlichen Objekte auf einem Haufen versammelt hatte. Don Juan schien die ganze Sache ungeheuren Spaß zu machen. Er kicherte und rieb sich die Hände, sooft ich eine weitere Möglichkeit erwähnte. „Ist das Nagual das höchste Wesen? Der Allmächtige, Gott?“ „Nein. Auch Gott gibt es auf dem Tisch. Nehmen wir an, Gott sei das Tischtuch.“ Er machte eine spaßige Gebärde, als wolle er das Tischtuch an den Zipfeln hochheben, um es über die anderen Gegenstände zu breiten, die er vor mir aufgestellt hatte. „Aber sagtest du nicht, dass Gott nicht existiert?“ „Nein. Das habe ich nicht gesagt. Ich sagte nur, dass das Nagual nicht Gott ist, denn Gott ist ein Gegenstand unseres Tonal und des Tonal der Zeiten. Wie schon gesagt, das Tonal ist alles, woraus die Welt sich, wie wir glauben, zusammensetzt, einschließlich Gott, natürlich. Gott hat nicht mehr Bedeutung, als dass er ein Teil des Tonal unserer Zeiten ist.“

„In meinem Verständnis, Don Juan, ist Gott alles. Sprechen wir überhaupt über dasselbe?“ „Nein. Gott ist nur all das, was du zu denken vermagst, daher ist er, genauso genommen nur einer unter den Gegenständen auf der Insel. Man kann Gott nicht willentlich erleben, man kann nur über ihn sprechen. Das Nagual hingegen steht dem Krieger zu Gebot. Man kann es erleben, aber man kann nicht darüber sprechen.“ „Wenn das Nagual keines der Dinge ist, die ich genannt habe, kannst du mir dann vielleicht etwas über seinen Aufenthaltsort sagen? Wo ist es?“ Don Juan fegte mit der Hand durch die Luft und wies auf den Raum außerhalb der Tischkante. Er bewegte die Hand, als wollte er eine imaginäre Oberfläche säubern, die über die Kanten des Tisches hinausreichte. „Das Nagual ist dort“, sagte er. „Dort, es umgibt die Insel. Das Nagual ist dort, wo die Kraft schwebt. Vom Augenblick unserer Geburt an fühlen wir, dass wir aus zwei Teilen bestehen. Zum Zeitpunkt der Geburt und noch kurz danach sind wir nur Nagual. Dann fühlen wir, dass wir, um zu funktionieren, ein Gegenstück zu dem brauchen, was wir haben. Was fehlt, ist das Tonal, und dies gibt uns von Anfang an das Gefühl der Unvollkommenheit.

Dann fängt das Tonal an zu wachsen, und es wird ungemein wichtig, so wichtig, dass es den Glanz des Nagual verdunkelt, es zurückdrängt. Von dem Augenblick an, da wir ganz Tonal sind, tun wir nichts anderes, als jenes alte Gefühl der Unvollkommenheit zu verstärken, das uns seit dem Augenblick unserer Geburt begleitet und das uns beständig sagt, dass es noch einen anderen Teil braucht, um uns zu vervollständigen. Von dem Augenblick an, da wir ganz Tonal werden, fangen wir an, Paare zu bilden. Wir fühlen unsere zwei Seiten, aber wir stellen sie uns immer nur anhand von Gegenständen des Tonal vor. So sagen wir, dass unsere zwei Teile Körper und Seele sind. Oder Geist und Materie. Oder Gut und Böse. Gott und Satan. Aber nie erkennen wir, dass wir nur Gegenstände unserer Insel zu Paaren zusammenfassen, ganz ähnlich wie wenn wir Kaffee und Tee, Brot und Tortillas, Chili und Senf paarweise bezeichnen. Wir sind komische Wesen, sage ich dir. Wir tappen im Dunklen, und in unserer Torheit machen wir uns vor, alles zu verstehen.“

„Ich fürchte, ich habe nicht die richtige Frage gestellt“, sagte ich. „Vielleicht verstünden wir uns besser, wenn ich fragte, was sich im einzelnen in diesem Raum außerhalb der Insel befindet?“ „Das zu beantworten ist unmöglich. Würde ich sagen: Nichts, dann würde ich das Nagual nur zu einem Teil des Tonal machen. Man kann nichts anderes sagen, als dass man dort, jenseits der Insel, das Nagual findet.“ „Aber wenn du es das Nagual nennst, bringst du es dann nicht ebenfalls auf der Insel unter?“ „Nein. Ich habe ihm nur einen Namen gegeben, weil ich dich darauf aufmerksam machen wollte.“ „Na schön, aber indem ich darauf aufmerksam werde, tue ich doch den Schritt, der das Nagual zu einem weiteren Gegenstand meines Tonal macht.“ „Ich fürchte, du verstehst nicht. Ich habe das Tonal und das Nagual als echtes Paar benannt. Etwas anderes habe ich nicht getan.“

Er erinnerte mich daran, dass ich einmal, als ich ihm erklären wollte, warum mir so viel am Sinn der Wörter gelegen sei, die Vorstellung erörtert hatte, dass Kinder vielleicht imstande sind, den Unterschied zwischen Vater und Mutter zu verstehen, bevor sie nicht eine Entwicklungsstufe erreicht haben, auf der sie mit Sinn umgehen können, und dass sie vielleicht glauben könnten, „Vater“ bedeutet „Hosen tragen“, und „Mutter“ bedeute „Rock tragen“ oder andere Unterscheidungen hinsichtlich der Haartracht, Körpergröße oder Kleidung. „Sicher tun wir dasselbe mit unseren zwei Teilen“, sagte er. „Wir fühlen, dass es noch eine andere Seite von uns gibt. Aber sobald wir versuchen, diese andere Seite festzumachen, gelangt das Tonal ans Ruder, und als Kommandant ist es ziemlich kleinlich und eifersüchtig. Es blendet uns mit seiner List und zwingt uns, auch noch die leiseste Ahnung von dem anderen Teil des echten Paares, dem Nagual, auszutilgen.“

- Ende -


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